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 von Austris Apenis

AA: Beginnen wir von vorne. Wie haben Sie das Horn ausgewählt?

seidenberg 190SS: Das Horn ist das Lieblingsinstrument meines Vaters und wie auch meine zwei älteren Brüder vor mir startete ich mit dem Hornspiel mit dem Beginn meiner allgemeinen Schulausbildung im Alter von 7 Jahren. Es war also wie man so sagen könnte vorbestimmt und zu diesem Zeitpunkt von mir auch alternativlos als selbstverständlich angenommen.

AA: Wo sind Sie in einer musikalischen Familie geboren?

SS: Geboren bin ich in der ehemaligen DDR, also dem heutigen Ostdeutschland als dritter Sohn von einer am Ende acht Geschwister zählenden Pfarrersfamilie. Musik gehörte für uns immer zum Familienalltag. Auch mein Vater hätte gerne eine Musikerlaufbahn beschritten, er spielte in seiner Jugend Horn, Cello und Klavier. Aus politischen Gründen wurde ihm allerdings ein Musikstudium verwehrt.

AA: Wenn ich darf, warum wurde Ihrem Vater aus politischen Gründen die Ausbildung verwehrt?

SS: In der Oberstufe (Abiturphase) seiner Schullaufbahn hat sich mein Vater in einer Klausur des Faches „Staatsbürgerkunde“ nicht entsprechend den Erwartungen des Regimes geäußert. Er bekannte sich nach Vorladungen zum Rektor weiter zu seiner Meinung, was zur Exmatrikulation von der Oberschule und der Hochschule für Musik Leipzig führte, wo er bereits als Jungstudent immatrikuliert war.

So ungefähr wurde mir das vor vielen Jahren einmal erzählt.

AA: Irre! Wie lebte man damals in der DDR?

SS: Diese Erinnerungen reichen nun schon einige Jahrzehnte zurück und zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung war ich gerade einmal 11 Jahre alt.

Wir lebten auf dem Land, das war ein einfaches Leben. Von den Grundnahrungsmitteln her waren wir abgedeckt, Luxus gab es nicht.Highlights waren Pakete von Verwandten aus der BRD zu Weihnachten mit einem Glas Nutella, welches bis mindestens Ostern reichen musste.

AA: Klingt nach einer völlig anderen Welt! Was denken Sie über das Hornspielen? 

SS: Oh, diese Frage öffnet ein weites Antwortfeld!

Ich denke, das Hornspielen kann, über dem normalen, oder üblichen Erlernen der technischen Voraussetzungen, die es dem Spieler ermöglichen bei der Wiedergabe von Musikstücken mitzuwirken, ein besonderes Ausdrucksmittel sein, um sich den Zuhörern auf persönliche Weise mit allen Gefühlen und Emotionen mitzuteilen. Ich erlebe leider all zu oft, dass die spezifischen, technischen Hürden des jeweiligen Werkes den Spieler zu sehr in deren Bewältigung bindet und dabei der zu transportierende musikalische Inhalt, verbunden mit dem Empfinden des Spielers, im Hintergrund bleibt.

Hornspielen ist für mich also ein weites und komplexes Feld und in erster Linie ein Ausdrucksmittel, mit dem ich den aufgeschlossenen Zuhörern auch Einblicke in meine Gefühlswelt gewähre.

AA: Ich stimme vollkommen zu! 2004 haben Sie den 2. Preis beim Wettbewerb Concours de Genève gewonnen. Ich kann mir vorstellen, dass die Vorbereitung eine ziemliche Aufgabe war. Wie ging das? Haben Sie Ratschläge für Hornisten, die sich auf Wettbewerbe vorbereiten? 

SS: In der Tat war die Vorbereitung neben meinen Orchesterjobs zu diesem Zeitpunkt keine leichte Aufgabe und hat nicht zuletzt auch Kompromisse bei der Auswahl des Programms erfordert.

Meine Sicht auf Wettbewerbe hat sich nicht nur aus der Sicht als Teilnehmer, sondern auch aus der Perspektive der Juroren verändert. Selbstverständlich braucht es eine Plattform, in welcher für alle die Möglichkeit besteht, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren, um bei besonderer Eignung für den Musikmarkt entdeckt zu werden. Leider werden die Kandidaten zu oft durch schier unlösbare Programmvorgaben dazu gedrängt, Klangschönheit, musikalische Phantasie und emotionalen Ausdruck dem schieren Durchhalten zu opfern.

Musik ist kein Sport und sollte daher nicht in Höher - Schneller - Weiter gemessen werden!

AA: Wie hat sich Ihre Karriere danach verändert?

SS: Eigentlich hat sich nichts groß verändert. Ich bin bei den Bamberger Symphonikern geblieben und habe mich schließlich aus privaten Gründen beim RSO-Frankfurt (Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks) beworben.

Einmal wurde ich im Nachgang des Wettbewerbs noch vom lˋOrchestre de Chambre de Genève zu einem Konzert eingeladen.

Ich denke, für die heutige Zeit bin ich medial einfach nicht präsent genug, und diese fehlende Werbung und Publicity hält mich defensiv im Hintergrund. Irgendwie ist das nicht mein Ding bzw. bin ich da vielleicht auch zu altmodisch und nicht Technik affin genug. Wer konkret nach mir sucht wird mich finden.

AA: Das ist eine unerwartete Antwort! Halten Sie Wettbewerbe für sinnvoll, um unsere Karriere voranzutreiben?

SS: Grundsätzlich ja! Ich wünsche mir allerdings von Musik-Wettbewerben, dass die Musik immer vor dem sportlichen Ehrgeiz steht! Ich erlebe zu oft, dass das geforderte Programm die jungen Künstler schier überfordert und es nur noch darum geht, wer den Anforderungsstress am besten aushält und am zuverlässigsten die Töne der Partitur liefert. Das ist in meinen Augen nicht der ideale Weg und hat sicher auch schon das ein oder andere Talent psychisch gebrochen.

AA: Sie sind Hornprofessor an der Musikhochschule Mannheim. Was denken Sie über den Unterricht?

SS: Seit über 10 Jahren unterrichte ich nun schon in Mannheim und ja - das Unterrichten ist eine wichtige Sache und nimmt uns in die Verantwortung, unseren Beitrag für zukünftige Generationen von Hornisten zu leisten. Gleichfalls den immer weiter steigenden Anforderungen der modernen Kompositionen gerecht zu werden, ohne dabei die „Alten Tugenden“ unseres als hoch romantisch entwickelten Ausdrunksinstrumentes Horn mit seinem großen farbreichen Klangspektum aufzugeben.

Allerdings ist das ausschließliche Unterrichten auch nicht immer einfach. Es kommen die Momente, in denen ich das eigene Spiel vermisse. Wenn zu lange die Nachfragen für adäquate Orchesteraushilfen, sowie nach solistischen- und kammermusikalischen Aufgaben ausbleiben, fällt es mir manchmal schwer, die nötige Inspiration für das Unterrichten aufzubringen. Die zurückliegende Pandemie war für mich jedenfalls in dieser Hinsicht keine leichte Zeit.

AA: Was ist Ihre Methode?

SS: Mit dem jeweiligen Studenten nach seinen spezifischen Ressourcen zu suchen, diese so zu entwickeln, dass sie ein Bewusstsein für den persönlichen Klang als Basis für ihre musikalische Ausdrucksfähigkeit entwickeln. Die stetig anliegende und fliessende Luft mit einem möglichst hohen Energiewert (Dichte, Intensität) bildet dafür die Grundlage. Ein möglichst weiter Mundraum mit viel Spielraum des Zungenrückens zur lockeren Modulation der Tonhöhen in Kombination eines in jeder Lage aktiven Ringmuskels mit stabil fixierter Unterlippe ist für mich dabei die Voraussetzung einer leichten flexiblen Technik. Die obere Lippe darf dabei maximal locker und frei nur von dem äusseren Ringmuskel gehalten schwingen.

Mein weiteres Bestreben ist es, den Studenten dabei zu helfen, ihre eigene musikalische Persönlichkeit zu finden. Dabei sehe ich mich bestenfalls nur noch als eine Art Supervisor.

Alles hier jetzt noch Weiterführende würde den Rahmen sprengen und ich belasse es bei dem Erwähnten.

AA: Ich stimme zu! Der Lehrer zeigt nur den Weg. Der Schüler muss selbst hinuntergehen. Wie haben Sie es geschafft, die Pandemie zu überstehen?

SS: Die Pandemie hat in meinen Augen, mit allem was daraus gemacht wurde, viel Menschlichkeit zerstört. Wir sind gespalten worden, sehr viele Menschen haben viel verloren. Das macht es schwer, darüber ganz offen zu reden.

Bis März 2020 habe ich neben meiner Professur sehr viel bei der Staatskapelle Berlin gespielt, das war sozusagen „mein Orchester“! Ich verbinde so viele unvergessliche musikalische Erlebnisse mit diesen Kollegen. Dies brach von heute auf morgen zu 100% weg. Ich habe auch sonst ab diesem Moment für etwa 1,5 Jahre nicht mehr gespielt. Ich war leer und wollte auch beim Unterrichten mein Instrument nicht mehr auspacken.

Ich habe versucht, mich trotz der einschränkenden Maßnahmen so gut es ging um meine Studenten zu kümmern. Ja, es war nicht leicht und einiges fast unmöglich!

Ab Oktober 2021 kamen dann vom Nationaltheater Mannheim Anfragen für Aushilfen im Orchester und ich habe begonnen, meine Ventile am Horn wieder beweglich zu machen. Aber das Spielen hat sich irgendwie anders angefühlt, mehr wie ein Hobby. Einfach zu Spielen, aus reiner Freude wieder Musik machen zu dürfen. Ich spürte keinen Druck mehr jemandem etwas beweisen zu müssen und empfand keinen Zwang mehr, erfolgreich sein zu müssen.

Die Staatskapelle vermisse ich trotzdem weiter!

AA: Ich freue mich zu hören, dass die Pandemie einen Lichtblick hatte! Du hast ein fantastisches Album mit den Konzerten von Franz und Richard Strauss aufgenommen. Warum haben Sie sich gerade für diese Stücke entschieden? 

SS: Wir, der Hessische Rundfunk, der Dirigent Sebastian Weigle, das Aufnahmelabel und ich haben zusammen beraten und diskutiert wie sich was als stimmiges Ganzes verkaufen lässt und haben uns auf diese Kombination, Strauss—Vater & Sohn, verständigt.

Vielleicht kommen ja in Zukunft noch weitere Anfragen zu solchen Produktionen und es entstehen dann neue Kombinationen mit mehr Überraschungspotential? Ich stehe jedenfalls für Solches aufgeschlossen bereit!

AA: Das ist eine gute Kombination! Wahrscheinlich die berühmteste Hornistenfamilie aller Zeiten. Ich freue mich auf weitere Aufnahmen von Ihnen! Was würden Sie in Zukunft gerne aufnehmen?

SS: Ich bin da wirklich allem gegenüber ganz aufgeschlossen und kann mir sehr vieles vorstellen einmal aufzunehmen.

Konzerte aller Epochen, aber auch genauso unsere zahlreichen Kammermusikwerke mit Klavier.

Aber auch hier darf ich erwähnen, dass ich nicht der aktive Typ bin mich zu vermarkten. Vielmehr hoffe ich, von Menschen gefunden zu werden, die mit mir etwas einspielen möchten.

Ich sende Grüße an die gesamte Hornwelt und hoffe, wir stärken weiter alles was uns verbindet und überwinden in Zukunft die uns noch voneinander trennenden Barrieren.

AA: Danke Samuel für das tolle Interview! Viel Glück bei allem!