von Austris Apenis
1. Wie kam die Musik in Ihr Leben, und was ist die früheste musikalische Erinnerung, die Sie bis heute begleitet? Was hat Sie gerade zum Horn geführt – war es Liebe auf den ersten Ton oder eine langsamere Entdeckung? Viele Musikerinnen und Musiker nehmen einen verschlungenen Weg in den Beruf. Wie sah Ihrer aus, und haben sich manche Umwege später als wertvoll erwiesen?
Meine Mutter spielte Laute und sang oft abends mit mir und meinen Brüdern. Heute liegt das Instrument auf meinem Flügel. Das Lied ist mein Zugang zur Musik. Ich bin bescheiden in einem kleinen Dorf aufgewachsen, wo es wenig Möglichkeiten zur musikalischen Entwicklung gab. Meine Eltern haben im Kirchenchor gesungen und es gab ein Klavier im Haus. So begann ich mit 7Jahren mit dem Klavierspielen und es wurde mein Hauptinstrument bis ich 19 Jahre alt war. Im Ort gab es neben dem Kirchenchor auch einen Posaunenchor, in dem ich Trompete spielte. So kam es, dass ich nach dem Abitur Schulmusik in Mainz mit Hauptfach Klavier und Nebenfach Trompete begann.
Die hohe Klangfarbe der Trompete gefiel mir nicht besonders, also wechselte ich gleich zu Beginn des Studiums zum Nebenfach Horn. Die hohe Lage lief gut, aber die Tiefe musste ich erst noch entdecken. Nach 2 Jahren war die Tiefe da und die Höhe weg. Ich wechselte zur Hochschule nach Köln, immer noch im Schulmusikstudium, aber nun 2 Jahre mit Hauptfach Horn und Nebenfach Klavier. Prof.Erich Penzel trainierte meine Höhe und mein Umfang war elementar in Ordnung.
Noch während des Schulmusikexamens machte ich Probespiel an der Frankfurter Oper und gewann die Stelle als 2. Hornistin. Dann erst begann ich mit dem Hornstudium. Eine etwas ungewöhnliche Reihenfolge. Das Schulmusikstudium umfasst viele Fächer und somit hatte ich eine gute musikalische Breitenbildung und Repertoirekenntnis. Auch das intensive Klavierstudium war für das musikalische Verständnis hilfreich.
2. Welche Lehrer oder Mentoren haben Sie am meisten geprägt, und was davon geben Sie bis heute weiter?
In technischer Hinsicht war die Ausbildung bei Prof. Erich Penzel prägend und ich habe viele Inhalte in meinem Unterrichten übernommen und weiterentwickelt.
Frøydes Re Wekre hat in einem Kurs empfohlen, einige technische Themen, wie z.B. Doppelzunge oder Lippentriller jeden Tag 5 Minuten lang zu trainieren- diese ständige Wiederholung in sozusagen homöopathischen Dosen habe ich selbst und auch beim Unterrichten praktiziert.
Musikalisch gibt es eine große Anzahl von MusikerInnen, von denen ich alleine durch Zuhören gelernt habe, wie zum Beispiel Fritz Wunderlich.
3. Was haben Sie von Fritz Wunderlich gelernt?
Ich bewundere seine offene, emotionale und authentische Art zu singen.
4. Wann wussten Sie, dass das Horn Ihr Leben sein würde?
Als Schulmusikerin an der Hochschule in Köln wurde ich von im Hauptfach studierenden Hornisten nur ernst genommen, weil ich ein kleines Auto hatte. Also durfte ich ab und zu bei Konzerten mitspielen, weil ich die Kollegen im Auto transportieren konnte. So fuhren wir zum Konzert nach Stuttgart in der Liederhalle. Mir wurde schlagartig klar, dass ich Hornistin werden wollte.
Ich war eigentlich mitten im Examen des Schulmusikstudiums, aber nachdem ich Prof.Penzel meinen Entschluss mitteilte, schickte er mich 2 Wochen später zum Probespiel an die Frankfurter Oper und so war die Entscheidung schnell gefallen.
5. Woran erinnern Sie sich aus Ihren ersten Orchesterjahren, und was hat Ihnen diese Zeit beigebracht, das man als Solistin nirgendwo sonst lernen kann?
Die erste Zeit an der Frankfurter Oper war sehr stressig, da ich überhaupt keine Routine und Orchestererfahrung hatte. Das Repertoire war damals sehr groß und ich lernte in einem Jahr mehr als 50 Opern kennen. Gerade durch diese erste Prägung liebe ich die Oper bis heute sehr. Die Mischung von Orchester, Gesang, Szene, Darstellung ist so interessant.
Die folgenden Jahre am Solohorn in Bamberg und Frankfurt am Hessischen Rundfunk waren sehr herausfordernd und erfüllend. Was gibt es Schöneres, als die großen Soli im romantischen Konzertrepertoire zu spielen. Das Orchesterspielen war für mich mich immer auch eine soziale Erfahrung. Ich war sehr gerne die 10 Jahre Teil eines Kollektivs mit allen positiven und auch negativen Erfahrungen.
Da ich auch Familie haben wollte, musste ich schweren Herzens das Orchester verlassen und mehr solistisch und kammermusikalisch unterwegs sein. Mit der Professur in Frankfurt konnte ich die Zeit flexibler gestalten.
6. Welche positiven und negativen Erfahrungen haben Sie im Orchester gemacht?
Ich liebte es, Teil einer Gruppe zu sein, und ich liebte das Repertoire. Manchmal haben mich Dirigenten ohne Visionen verstimmt, ebenso das unprofessionelle Verhalten von Kollegen, die unvorbereitet spielten.
7. Sie sind zu einer Zeit in den Beruf eingestiegen, als die Orchesterwelt für Frauen ganz anders aussah als heute. Wie haben Sie das erlebt?
Ja, ich musste leider auch einmal die Erfahrung machen, dass ich keine Einladung zum Probespiel bekam, mit der Begründung, die Horngruppe wolle keine Frau engagieren. Aber im Orchester zählte für mich nur die Leistung und eine männliche Dominanz hat mich nicht verunsichert, da ich mit 3 älteren Brüdern aufgewachsen bin.
8. Wettbewerbe gehörten zu Ihren frühen Berufsjahren. Welche Rolle spielen sie Ihrer Meinung nach für die Entwicklung junger Musiker, und was haben sie Ihnen persönlich bedeutet?
Wettbewerbe sind immer gut, ein breiteres Repertoire zu erarbeiten. Die Auftrittssituation ist eine Challenge, die den Fokus, die Konzentrationsfähigkeit und Nervenstärke trainiert. So kann ich es nur empfehlen, an Wettbewerben teilzunehmen, aber immer mit dem Bewusstsein- „der Weg ist das Ziel“ Durch die Vorbereitung wird nicht nur die Technik verbessert, sondern man muss zu einer eigenen musikalischen Aussage finden und sie auf die Bühne bringen.
9. Irgendwann haben Sie sich für das Leben als Solistin und Kammermusikerin und gegen eine Orchesterstelle entschieden. Was gehört zu einer solchen Entscheidung, und was würden Sie einem jungen Hornisten sagen, der heute davorsteht?
Für einen Hornstudenten sollte der Weg zunächst ins Orchester gehen. Unser Repertoire im Solo und Kammermusikbereich ist nicht breit genug, um ausreichend musikalische Erfahrung zu sammeln. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Brucknersymphonie anhöre oder selbst mitspiele- dies ohne Wertung- aber es sind verschiedene Erfahrungen.
Meine Entscheidung, aus dem Orchester zu gehen, war eine rein pragmatische- Solo, Kammermusik, Hochschulprofessur und 2 Kinder - dann war leider keine Zeit mehr übrig für Orchester. Sehr viel später, als meine Kinder erwachsen waren, bin ich Mitglied der Capella Andrea Barca geworden, ein Orchester von Andras Schiff, wo ich herrliche Konzerte mitspielen konnte.
10. Mehrere Werke wurden für Sie geschrieben. Wie ist es, wenn ein Stück für einen selbst komponiert wird, und wie funktioniert die Beziehung zwischen Interpretin und Komponist in der Praxis?
Die Komponisten, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, waren vom romantischen Hornklang fasziniert, der Focus lag weniger im Technischen. Nicht viele zeitgenössische Komponisten können das Beseelte im Klang des Horns umsetzen.
11. Was macht es so schwierig, das Beseelte des Horns in zeitgenössische Musik einzubinden?
Das ist eine schwierige Frage - da müsste man erst die Begrifflichkeit, was soulfullness bedeutet, klären.. Darüberhinaus entsteht soulfulness erst durch den Hörer, der dies empfindet. Gerade in der zeitgenössigen Musik gibt es große Unterschiede in der Rezeption des Einzelnen.
12. György Ligetis Hamburgisches Konzert ist eng mit Ihrem Namen verbunden. Was sollte man über seine Entstehung wissen, und wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Mit G.Ligeti waren wir mit dem Trio Saschko Gawrilow und PLAimard- mehrfach auf Konzertreise. So verbrachte man einige freie Zeit zusammen und ich konnte ihn davon überzeugen, dass es genial wäre, wenn er seine kompositorische Verwendung des Horn, wie im Trio für Vi, Klavier und Hr begonnen, weiterführen würde.
Bei einem Besuch in seiner Hamburger Wohnung spielte er mir eine Aufnahme eines rumänischen Alphorns vor, was er in seiner Kindheit gehört hat. Die Naturtonreihe hat ihn fasziniert und in seinem Hamburgischen Konzert hat er das Horn ohne Stopftechnik als reines Naturhorn eingesetzt. Durch die Verwendung von zusätzlichen 4 Naturhörnern neben dem Solohorn und dem parallelen Einsatz in verschiedenen Stimmungen ergeben sich neue Klänge fernab der herkömmlichen Harmonik.
Die Zusammenarbeit mit Ligeti war beeindruckend- z.B. rief er mich an, um zu fragen, ob er vom 13.Oberton des D Horns zum 7. des E Horn springen könnte. Da musste ich erst mal Luft holen und rechnen.
13. Gibt es ein Stück oder einen Komponisten, mit dem Sie noch gerne arbeiten würden?
In Ligetis Nachlass gibt es Skizzen für einen weiteren Satz des Hamburgischen Konzerts. Den würde ich sehr gerne mit ihm arbeiten, aber leider zu spät.
14. Auf Ihren Aufnahmen finden sich viele Werke, die vor Ihnen selten zu hören waren. Wonach haben Sie ausgewählt, und gibt es eine Aufnahme, die Ihnen besonders nahesteht?
Neues Repertoire in Bibliotheken oder sonstigen Quellen zu suchen fand ich immer höchst interessant. Auch spannend die Autographe von gängigen Konzerten zu lesen, um zu sehen, was der Komponist wirklich notiert hat. Sehr oft bearbeiteten die Herausgeber die Ausgaben, veränderten Artikulation oder sogar mehr.
15. Wie erarbeiten Sie Ihre eigene musikalische Aussage, wenn Sie ein Solostück vorbereiten? Wie wirkt sich dabei Ihre Erfahrung als Pianistin und Musikwissenschaftlerin aus?
Meist habe ich wenn irgend möglich. zunächst versucht, das Autograph anzusehen. Bei klassischen Konzerten zudem die Regeln der damaligen Spielpraxis, wie sie in den Schulen der Zeit wie von Quantz, Leopold Mozart und Anderen beschrieben werden, anzuwenden.
16. Die Kammermusik war eine Konstante in Ihrem Leben. Was gibt Ihnen das Spiel im Trio oder in einem kleinen Ensemble, das Ihnen das Spiel mit einem Sinfonieorchester nicht gibt? Gab es musikalische Partner, die Ihr Spiel verändert haben?
Kammermusik erforderte größte musikalische Flexibilität, vor Allem im piano. Das musikalische Reagieren aufeinander, die Kompromissbreichtschaft und die wechselseitige Beeinflussung sind essenziell und herausfordernd. Im Orchester ergeben sich diese Fragen auch etwas innerhalb der Horngruppe, aber durch das Dirigat sind die Möglichkeitender Gestaltung begrenzt.
17. Was hat sich in der Hornwelt seit Ihren Anfängen am stärksten verändert: das Spiel, die Instrumente, das Publikum oder die Spieler selbst?
Durch die weltweite Globalisierung hat sich Vieles vermischt. Lokale Eigenheiten wie das Wiener F-Horn sind leider extrem selten geworden. Die Hornstudierenden können vielerorts ihre Ausbildung erhalten und tragen diesen Einfluss wieder in ihr Heimatland und geben ihr Wissen wiederum an Schüler weiter. Auch sind die ProfessorInnen z.B. an den deutschen Hochschulen international gemischt und bilden dementsprechend aus.
18. Wie würden Sie den Klang beschreiben, den Sie suchen, wenn Sie das Horn ansetzen, und hat sich dieses Ideal im Laufe Ihrer Karriere verändert?
Der Hornklang sollte für mich immer offen und gesanglich, also frei, sein. Mein Klangideal ist im Laufe der Jahre etwas dunkler geworden.
19. Das Horn ist ein körperlich forderndes Instrument. Was haben Sie in einer langen Laufbahn über den Umgang mit Körper und Geist gelernt, und was hätten Sie gerne früher gewusst?
Da Körper und Geist etwas sehr individuelles sind, habe ich persönlich einen Entwicklungsprozess durchlaufen und immer weiter nach der perfekten Balence gesucht. Mit den Erkenntnissen von heute würde ich gerne nochmal beginnen- z.B. wenn der Ansatz elementar für den Umfang in Ordnung ist, hat er eine Wichtigkeit von 50-60% Die restlichen Prozente sind Körperarbeit.
20. Sie haben viele Jahre unterrichtet. Was möchten Sie Ihren Studierenden über die Technik hinaus mitgeben, und was haben sie Ihnen gegeben?
Wollte immer Freude und Begeisterung für diesen Beruf vermitteln und das Bewusstsein, dass ein erfolgreiches Musikerdasein mit viel Disziplin verbunden ist. Meine Studenten haben mir Vertrauen geschenkt und damit die Möglichkeit, an ihrem Weg maßgeblich mitgestalten zu dürfen.
21. Jetzt, da Sie sich aus einigen Ihrer Aufgaben zurückziehen: Was werden Sie am meisten vermissen, und worauf freuen Sie sich?
In dem Gedicht “Stufen” von Hermann Hesse gefällt mir besonders die Zeile, “Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen....” Jeder Lebensabschnitt bringt Neues und so bin ich dankbar für meinen beruflichen Weg in der Vergangenheit, aber ich bin nicht wehmütig, sondern schaue nach vorne und geniesse meine neue Freiheit.