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Ein Statement für das Wiener Horn

hoegnerAls langjähriger Musiker und 1. Hornist der Wiener Philharmoniker (in Wien gibt es kein „Solohorn“) – wie auch als Lehrer an der Musikuniversität Graz, war und ist für mich der Klang das Allerwichtigste am Musizieren.

Wie allgemein bekannt, liegt die herausragende Bedeutung des Wiener F-Horns weniger an der technischen Spielbarkeit als an der Tonqualität – insbesondere werden die weichen Bindungen so geschätzt und bewundert.

Doch woher rührt die Qualität des „Wiener Horn-Klanges“?

Die Weichheit des Tons hat einerseits mit der Länge des Instruments zu tun; es schwingen mehr Obertöne mit – und dadurch klingt es voller. Zum anderen liegt sie an der Mensur. Und als weitere Faktoren sind zu nennen: die Luftführung; ebenso der Stoß, der nicht zu hart sein darf. Und natürlich kommt es auf die Bindungen an, die beim Wiener Horn besonders schön sein können.

Die meisten Menschen glauben, dass die Möglichkeit, so weiche Bindungen zu spielen, von den Ventilen abhängt, das stimmt aber nicht. Die Qualität der Bindung liegt an der Rohrlänge, die zwischen dem Mundstück und den Ventilen liegt. Die Länge der Luftsäule vom Mundstück bis zum Ventil ist beim F-Horn ca. 1m 60cm / 1m 80cm lang; wohingegen es beim B-Horn (beim Doppelhorn) so um die 40cm oder 30 oder 20cm sind. Eine so kurze Luftsäule kann freilich nicht so komprimiert werden wie eine fast 2m lange, die ist beweglicher. Dadurch klingen die Bindungen am Wiener Horn so viel weicher. – Aber man muss natürlich auch wissen, wie man das macht, also wie man die Töne anblasen bzw. den Luftstrom bei der Bindung „führen“ muss. (Und das alles muss man „üben, üben, üben…“)

Aber auch die Form des Mundstücks (und hieran ist vor allem die innere Form hervorzuheben) ist ein wenig anders als bei einem Doppelhorn-Mundstück; sie ist nicht so bauchig, kesselartig, sondern trichterförmig. Des Weiteren kommt es auf die „Seele“ des Mundstücks an, also auf seinen mittleren Teil [die „Seele“ ist der zylindrische Teil des Mundstücks], und die ist beim Wiener Mundstück sehr lang und endet am Schluss dann wieder trichterförmig.

Es gibt also einige Unterschiede – sowohl am Instrument als auch am Mundstück –, die für den unterschiedlichen Klang und für die unterschiedliche Spielweise verantwortlich sind. Hinzu kommt die Weitergabe der Tradition von Lehrern auf ihre Schüler (vgl. Hans Swarowsky, 1979, , der in seinem Buch „Wahrung der Gestalt“ (S. 258) hervorhebt, wie wertvoll es ihm war, dass ihm – am Beispiel der Pflege des Liedes, zurückgehend auf Johannes Brahms – so viel direkte Tradition vermittelt wurde.

Der Horn-Klang der Wiener Philharmoniker wird von den meisten Dirigenten sehr geschätzt. – Hier eine kleine Anekdote aus meinem Berufs-Alltag mit einem der für mich wichtigsten Dirigenten, Nicolaus Harnoncourt: Unüberhörbar hatte ein Hornist in einer Probe gekickst. (Wahrscheinlich bin ich das gewesen.) Sofort hat sich der vor ihm sitzende Cellist (provokativ) zu ihm umgedreht. Doch sogleich rügte Harnoncourt – der den Hornisten offenbar verteidigen wollte – den Cellisten mit aufgebrachten Worten: „Drehen Sie sich doch nicht um! Ihre Kollegen spielen auf dem F-Horn – und nicht auf einem Doppelhorn, das man.., ah.., das man.., ah..  ah.,. das man überall kaufen kann.“

Doch genug der Anekdoten. Das häufige „Kicksen“ (das „Umschmeißen“ eines Tons) ist natürlich die Kehrseite der sonst so gerühmten Tonqualität. Dadurch kann das F-Horn solistisch mit den Doppelhörnern in keiner Weise konkurrieren, und technisch natürlich auch nicht.

Doch warum lege ich so viel Wert auf das Wiener Horn?

Nun ja, in der Romantik ist fast alles für das Ventil-Horn in F geschrieben worden, das damals das gebräuchlichste Orchester-Instrument gewesen ist.  Ich spiele es (und lehre es) wegen der bereits oben beschriebenen Tonqualität und Klangschönheit.

Ich möchte hervorheben, wie wichtig mir das Transponieren ist – also das Lesen(-Können) der Stimmen im Original!

In meinen Augen ist es immens wichtig, die Orchester- und Solostimmen aus dem Notenmaterial mit der im Original geschriebenen Stimmung zu spielen. Man kann dadurch die in der ursprünglichen Schreibweise als „gestopft“ und „halb-gestopft“ geschriebenen Töne leichter erkennen – und dementsprechend musizieren.

Zum Abschluss möchte ich den Studenten noch eines mit auf den Weg geben: Besucht nicht zu viele Kurse bei verschiedenen Lehrern! Denn jeder hat eine andere Auffassung. Man wird mehr verwirrt, als man profitieren kann.

Ein guter Lehrer (sage ich salopp) braucht mindestens 1 bis 2 Monate, um alle Schwächen und Stärken eines Studenten gut einschätzen zu können. Ein Horn-Kurs hingegen ist meist nach 10 bis 14 Tagen beendet. – Es gibt allerdings Studenten, die „sammeln“ Kurse wie andere Leute Briefmarken. Und dann wundern sie sich, dass ein längerfristiger Erfolg ausbleibt.


Günter Högner: geboren am 16. Juli 1943 in Wien.

Mit 13 Jahren bekam ich meinen ersten Horn-Unterricht am Konservatorium der Stadt Wien, bei Prof. Franz Koch (Wiener Symphoniker). Wenige Jahre später begann ich mein Ordentliches Studium an der Musik-Akademie, bei Prof. Leopold Kainz (Wiener Philharmoniker).

Dann folgten einige „Lehrjahre“ an kleineren Orchestern in Österreich.

1965 kam ich als 1. Hornist an die Wiener Volksoper – und kurze Zeit später an die Wiener Staatoper. 1971 wurde ich daneben auch 1. Hornist der Wiener Philharmoniker.

Zusätzlich zu meiner Orchester-Tätigkeit spielte ich in vielen Kammermusik-Ensembles, u.a. dem Ensemble Wien-Berlin.

1982 nahm ich die Professur an der Musik-Universität Graz an und lehrte dort bis 2011.