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Engagement und Passion für Musik und junge Menschen

mahniMit großer Freude komme ich der Bitte meines Kollegen Prof. Ab Koster nach und schreibe einen Beitrag für die International Horn Society!

(Nachfolgend verwende ich der Einfachheit halber immer nur die männliche Form, ich spreche aber natürlich sowohl von männlichen als auch weiblichen Studenten, Lehrern etc.)

Wenn ich einen Studenten kennenlerne, achte ich auf mehrere Dinge. Natürlich ist es mir wichtig, wie weit der Student instrumentaltechnisch ist. Am schönsten für beide Beteiligten (Student und Lehrer) ist es natürlich, wenn schon gute und solide Grundlagen vorhanden sind: damit meine ich die Atemtechnik, den Ansatz und auch sonstige technische Anforderungen wie Doppelzunge, Lippentriller und und und, die alle nötig sind, um das Instrument gut zu beherrschen.

ABER: noch wichtiger sind mir zwei Punkte:

  • stimmt die Chemie zwischen dem Studenten und mir? Habe ich das Gefühl, dass ein
    Vertrauensverhältnis entstehen kann? Versteht er meine Sprache? Und damit meine ich nicht die gesprochene Sprache, sondern ein tieferes Verständnis zwischen zwei Menschen. Der Student begibt sich in die Hände des Lehrers, und die Zusammenarbeit kann nur dann erfolgreich sein, der Student kann sich nur dann gut entwickeln, wenn er vertraut! Einerseits sich selbst (ganz wichtig!) und andererseits seinem Lehrer. Man könnte fast sagen, dass beide eine regelrechte Beziehung eingehen! Das erklärt vielleicht auch, warum der erfolgreichste und „beste“ Lehrer vielleicht nicht unbedingt für jeden Studenten passen kann. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, möglichst schon vor einer Aufnahmeprüfung, bei der ich dann endgültig entscheide, ob die Zusammenarbeit stattfinden wird oder nicht, die Gelegenheit zu haben, den Studenten kennenzulernen - für mich, aber sicher genauso für ihn.
  • ist ein echter Wille und auch die Fähigkeit da, sich musikalisch auszudrücken? Um den Beruf des Musikers auch auf Dauer mit Freude auszuüben ist es quasi lebenswichtig, eine Leidenschaft für die Musik zu haben. Damit meine ich, die Musik zu verstehen, zu lieben und auch das Bedürfnis zu haben, sich unbedingt musikalisch mitteilen zu wollen. Es liegt mir wirklich sehr am Herzen, nicht nur Hornisten auszubilden, die Musik machen können, sondern Musiker auszubilden, die Horn spielen können. Dieser Satz beinhaltet vieles für mich. Hier sei nur erwähnt, dass Musiker, die ein Blechblasinstrument spielen, nicht schon vorhandene negative Klischees über unsere Zunft unterstützen sollten, sondern denselben musikalischen Anspruch haben sollten wie die besten anderen Musiker auch.

Hier sei außerdem noch am Rande erwähnt, dass es für den Musiker sehr wichtig ist, gerne mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten! Manchmal bedarf es der bewussten Entscheidung, mit den Kollegen in einem Ensemble oder auch in einem großen Orchester ZUSAMMEN arbeiten und spielen zu WOLLEN. Ohne diese Bereitschaft und den Willen nützt uns die größte Fertigkeit auf dem Instrument nicht viel...Soziale Kompetenz ist also für unseren Beruf essentiell.

DESHALB: Technik kann man gut lernen! Leidenschaft für die Musik und menschliche Eigenschaften weniger!

Ich möchte hier noch etwas mehr auf die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer eingehen:
ich sehe mich als Lehrer in vielen verschiedenen Funktionen: so bin ich natürlich in erster Linie gefragt, Grundlagen der Spieltechnik zu vermitteln wie auch möglichst viel und fundiertes musikalisches Wissen. Zugleich bin ich aber auch Coach, Bezugsperson und manchmal schon fast
Therapeut.....so finde ich es ganz wichtig, den Studenten gut auf den Berufsalltag im Orchester vorzubereiten. Einerseits kann ich ihm Hilfestellung leisten und Tipps geben, wie ich mich im Alltag am besten fit halte, wie ich eine gewisse gesunde Routine entwickeln kann, um bläserisch mein Niveau über so viele Jahre möglichst aufrechtzuerhalten. Und andererseits kann ich darüber sprechen, was einem alles begegnen kann außer dem musikalischen Aspekt, und da sind wir wieder bei der Gruppentauglichkeit, der Wichtigkeit von Teamgeist! Wir haben es immer mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun im Orchester, aber auch bei Lehrberufen, und das kann unter Umständen anspruchsvoll sein, aber eben auch bereichernd und interessant! Eine gewisse Neugierde und Offenheit anderen Menschen gegenüber kann mitunter sehr helfen.

In keinem anderen Studiengang gibt es diese 1:1-Betreuung wie wir sie im Instrumentalunterricht vorfinden. Während der Dauer des Studiums bin ich als Lehrer eine sehr wichtige Person im Leben des Studenten, am Anfang ganz besonders, mit Fortschreiten des Studiums sicher immer weniger, da der Student im besten Fall eine Anstellung in einem Orchester erhält bevor er seinen Abschluss gemacht hat und sich außerdem natürlich immer weiterentwickelt und genauere Vorstellungen hat von dem, was er will und tut. Es ist fast ein bisschen vergleichbar mit der Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern: am Anfang braucht das Kind die Eltern sehr, orientiert sich an ihnen. Mit dem Wachsen und Älterwerden erweitert es natürlicherweise seinen Horizont, seinen Wirkungskreis und bildet sich immer mehr seine ganz eigene Meinung, um sich dann irgendwann frei machen zu können und auf eigenen Beinen zu stehen. Ein bisschen so ist es zwischen Student und Lehrer auch. Und deshalb ist es wichtig, dass die zwischenmenschliche Komponente stimmt - wir binden uns zwar nicht für ewig, aber doch für eine Zeit von mehreren Jahren! ;-)

Ich merke gerade wieder beim Schreiben dieser Zeilen wie spannend der Beruf des Lehrers ist, weil ich es immer mit neugierigen Menschen zu tun habe, im Laufe der Zeit mit sehr vielen sehr unterschiedlichen, aber auch wunderbaren Menschen! Und das ist es, was ich am Beruf des Lehrers so liebe!


Sibylle arbeitet sie Solo-Hornistin im Frankfurter Museumsorchester, sowie als Professorin für Horn an der Hochschule für Musik Saar in Saarbrücken.