uk flag English version


kuhn smallIch freue mich über diese Gelegenheit, etwas ausführlicher über mich persönlich, meine kleine Werkstatt und die Geschichte der Ricco Kühn Hörner schreiben zu dürfen. „Meet your makers“ ist eine fantastische Idee, die Personen hinter den tollen Hörnern, die man auf Shows oder Webseiten sieht, kennenzulernen.

Wie jeder Kollege habe auch ich meine eigene Geschichte, wie ich zu diesem schönen Handwerk gekommen bin. Es war eine spontane Entscheidung in einer ziemlich frustrierten Lebenssituation! Nachdem ich am Ende der Schulzeit verstanden hatte, dass ich meinen ursprünglich geplanten Weg in der damaligen DDR nicht hätte gehen können, musste ich mich eben für eine Ausbildung entscheiden. Da ich einfach keine „bessere“ Idee hatte, war der Gedanke meiner Eltern, Musik und meine technischen Interessen zu verbinden gerade gut für diese Entscheidung.

Dabei hatten wir in der Familie eine lange musikalische Tradition. Schon mein Urgroßvater, Großvater und Vater spielten Trompete im örtlichen Blasorchester. Mit blieb dann natürlich nichts anders übrig, als auch Trompete zu lernen. Zugegeben war ich sicherlich nicht der fleißigste Schüler. Ich hatte eigentlich immer mehr Interesse an technischen Dingen und hatte viel zu viele Ideen – und somit natürlich keine Zeit zum Üben.

Die Ausbildung zum „Metallblasinstrumentenbauer“ absolvierte ich dann bei B&S in Markneukirchen,in der Firma in der auch die Hans Hoyer Hörner gebaut wurden. In der Schule gab es viele Fotos und Kataloge von den unterschiedlichsten Hornmodellen. Da für einen Trompeter Doppelhörner immer etwas kompliziert aussehen, weckte das natürlich mein technisches Interesse. Obwohl ich während der Lehrzeit nur Ventilsätze für fast alle Instrumentenmodelle zusammenbauen durfte, hatte ich ziemlich sicher den Wunsch, Hörner zu bauen. Deshalb ging ich nach meiner Ausbildung zu Heinz Börner nach Chemnitz, dem Nachfolger von Oskar Reissmann. Oskar Reissmann hatte bis in die 50er Jahre als Hornbauer einen sehr guten Ruf, auch weit über Deutschland hinaus. Heinz hatte eine kleine, alte Werkstatt mit sehr wenig Maschinen und Technik. Die Hörner wurden unter einfachsten Bedingungen in Handarbeit hergestellt. Für mich war es eine sehr interessante Zeit, in der ich tief in den Hornbau eindringen konnte. Ich lernte dann auch Horn zu spielen, habe in dieser Zeit mehr geübt als in der ganzen Kindheit Trompete. Ich war vom Horn als Ganzes total fasziniert! Ich spielte in verschiedenen Besetzungen, vom Kammerorchester bis zum Brass Ensemble, war auch einige Zeit solistisch unterwegs und konnte so fast alle Situationen kennenlernen, die man als Hornist zu meistern hat.

reissmann
Oskar Reißmann
In dieser Zeit absolvierte ich dann auch den Meisterlehrgang. Als Meisterstück baute ich ein Doppelhorn, Modell „Reissmann“ mit Stopfventil. Die damals von Heinz Börner gebauten Hornmodelle waren ausschließlich Modelle nach Oskar Reissmann. Es gab neben einigen B- Hörnern ein kompensiertes Doppelhorn, ähnlich dem Kruspe „Wendler“ Modell, sowie das Voll- Doppelhorn, ähnlich Geyer/ Knopf Bauweise. Die Reissmann- Wagnertuben wurden unter Heinz Börner nicht mehr hergestellt.  Leider kann ich nicht mehr genau belegen, seit wann Oskar Reissmann die Voll- Doppelhörner so gebaut hat. Sicher ist nur, dass die Firma 1902 gegründet wurde, seit 1912 in Chemnitz ansässig war, und es sehr alte Fotos gab, auf denen Oskar mit dem Doppelhorn zusehen war. Möglicherweise war er ja einer der ersten Hornbauer, der in der nach Geyer oder Knopf benannten Bauweise Doppelhörner gebaut hatte.

Die damals verwendeten Schallstücke waren etwas weiter geschnitten, ähnlich den in dieser Zeit gebauten C.F. Schmidt Modellen. Es ist nicht bekannt, ob beide vielleicht den gleichen Schallstück-Lieferanten hatten. Für mich ist die Reissmann Tradition schon deshalb wichtig, weil ich nach meinem Meisterstück viele neue Ideen hatte, auf diesen großen Erfahrungen aufzubauen.

Schon kurz nach der Meisterprüfung 1986 begann ich mit den Vorbereitungen meiner eigenen Firma. Da es im damaligen sozialistischen System es nicht so einfach war, eine selbständige Existenz zu gründen, zog sich dieses Vorhaben bis in den Herbst 1989. Vorher musste ich natürlich noch zu Armee, danach dauerte die Beschaffung von Werkzeugen und Technik auch noch einige Zeit. Als ich schließlich die Genehmigung bekam und eigentlich alles vorbereitet war, kam die politische Wende. Am 15. Januar 1990 eröffnete ich dann endlich meine eigene Werkstatt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon viele Kontakte zu Hornisten in der damaligen DDR. Meine Ideen waren gut und so sollte der Start erfolgreich werden!

Ich sollte es zwar jetzt nicht bedauern, aber für mein Geschäft war es damals leider so: Die Grenzen waren wieder offen, Deutschland war kurz darauf wieder vereinigt, und natürlich haben sich fast alle meiner Kunden mehr für die bekannten Hörner aus Mainz interessiert als für meine Ideen. Somit verlief mein Start etwas „rumpelig“.

Ich war in den Monaten danach sehr viel unterwegs um meine Hörner vorzustellen. In dieser Zeit lernte ich auch neue Lieferanten im westlichen Teil Deutschland kennen. Ich hatte noch mehr neue Ideen. Finanziell war es damals zwar fast eine Katastrophe, aber so konnte ich in extrem kurzer Zeit meine Hornmodelle auf „neuen Stand“ bringen.

Vielleicht ist das Glück ja doch mit den Fleißigen? Ich lernte schnell neue Geschäftspartner kennen, die mir einen Markt außerhalb der deutschen „Problemzone“ eröffnet haben. So musste ich mir nie wirklich um die deutschen Alexander- Bläser Gedanken machen und habe auch bis vor zwei Jahren kein Alexander kompatibles Modell im Programm gehabt. Es verwundert vielleicht einige Leser, dass ich den Name Alexander so offen anspreche. Aber es ist für jeden deutschen Hornbauer nun ‚mal die Situation, dass ein sehr großer Teil der professionellen Hornisten ausschließlich die Hörner aus Mainz interessiert. Dabei habe ich der Firma Alexander deshalb nie einen Vorwurf gemacht. Das sind nette Leute, die Hörner sind gut, das Marketing und die Produktion auch.

Wenn man einen Vorwurf machen darf, dann vielleicht den Hornisten, die nie andere Hörner probiert wollen und so anderen engagierten Herstellern die Chance zum Markt nehmen. Zum Glück ist die Welt groß und die Zeiten ändern sich! Inzwischen ist der deutsche Markt für uns schon ein wichtiger Teil des Geschäfts.

Oft werde ich auf Hornshows gefragt ob wir nun mehr Hornbauer oder Trompetenbauer sind. Viele haben auf unserer Webseite von den Trompeten gelesen. Deshalb dazu kurz unsere Story – das ist kein Witz, sondern die Wahrheit – die meisten Trompeter kennen die Geschichte: Ich hatte kurz nach meinem Start schon einen Mitarbeiter, der zwar fleißig, aber noch nicht qualifiziert genug war um Hörner zu bauen. Mit ihm habe ich „nur zur Ausbildung“ einige Trompeten gebaut und so auch mit den weiteren Mitarbeitern, die später dazu gekommen sind. Außerdem konnte ich mit Trompeten schnell meine neues „Spielzeug“ des Computer- Messsystem ausprobieren. Irgendwie sind diese Trompeten dann in die richtigen Hände gekommen. Ich hatte plötzlich eine große Nachfrage nach unseren Trompeten, obwohl ich nie dafür geworben habe.

In den Folgejahren kamen dann noch einige Modelle dazu. Wir konnten viele Trompeten verkaufen, haben 2010 und 2015 den „Deutschen Musikinstrumentenpreis“ für unsere B- Trompete gewonnen und sind wohl inzwischen einer der gefragtesten Trompetenhersteller in Deutschland. Trotzdem – und das wissen auch die meisten Trompeter – schlägt mein Herz für den Hornbau. Wir sind also Hornbauer die auch Trompeten bauen und nicht umgekehrt!!!

florian kuhn
Florian Kühn receiving his master diploma
Die enge Verbindung zwischen Hörnern und Trompeten auf dem gleichen Niveau in einer so kleinen Werkstatt (wir sind nur 6 Personen) ist vielleicht etwas verrückt. Es ist auch manchmal stressig, von einem Anruf zum nächsten das Denken umzuschalten.

Trotzdem wären wir ganz sicher bei beiden Instrumenten nicht auf dem Stand, wenn wir die anderen Erfahrungen nicht hätten. Oft versuchen wir, Erfahrungen mit Trompeten im Hornbau zu probieren und umgekehrt. Die akustischen Regeln sind die gleichen, nur die Prioritäten verschieden. Ich konnte so manche Probleme der Hornisten im Orchester aus der Sicht der Trompeter kennenlernen. Ich weiß so sicher viel mehr vom Klang im Orchester als wenn man immer nur mir den Musikern zu tun hat, die die Instrumente selbst spielen. Auch Erfahrungen mit Ansatzproblemen, Kondition, verschiedene Spieltechniken habe ich von beiden Seiten kennengelernt. Es würde jetzt zu weit gehen, mein Lieblingsthema „Ansprache, Widerstand im Zusammenhang mit Kondition“ zu beginnen. Ich möchte nur kurz beschreiben dass ich mir viele Gedanken gemacht habe, wie ein Instrument für den Musiker „gesund“ gebaut werden sollte. Dabei meine ich eine ansatzschonende sichere Spielweise, eine optimale Projektion im Raum - damit man eben konditionsschonend blasen kann – eine möglichst perfekte Ergonomie und trotzdem viel Raum für individuelle Klangvorstellungen.

Für mich sind professionelle Musiker gleichzusetzen mit professionellen Sportlern, die mit ihrem Körper Höchstleistungen erbringen, dabei noch kreative Künstler sind und das bis ins hohe Alter tun wollen oder müssen. Wir als Hersteller dieser „Sportgeräte“ sollten uns der Verantwortung bewusst sein. Die Musiker vertrauen uns und wir sollten es nicht enttäuschen.

Zum Schluss möchte ich noch meine Freude zum Ausdruck bringen, daß unser Sohn Florian nach einer langen Ausbildung mit Lehre zum Metallblasinstrumentenmacher, Wirtschaftsstudium und Meisterprüfung jetzt Vollzeit in unserer Werkstatt arbeitet. Er hat natürlich ein Modell „Reissmann“ als Meisterstück gebaut, spielt auch selbst Horn und wird sicherlich mit voller Kraft weiter viele schöne Hörner bauen.

Vielen Dank für euer Interesse. Vielleicht sehen wir uns wieder auf einer den nächsten IHS Shows!

Ricco Kühn

http://ricco-kuehn.de/1/